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Was mich gerade beschäftigt
Wie geht eigentlich Balance?
Als ich 8 Jahre alt war, lernte ich im Sommerurlaub von anderen Kindern das Radfahren. Auf einem großen Damenfahrrad, auf dem ich nicht im Sattel sitzen konnte, sondern auf den Pedalen stehend das Gleichgewicht halten musste. Es hat funktioniert. Nicht beim ersten Mal, aber ohne größere Verletzungen. Erst mit Anstrengung, dann voller Freude und Stolz.
Zurück in der Großstadt durfte ich das Fahrrad meines großen Bruders benutzen, der schon zuhause ausgezogen war. Ein Rennrad mit Stange und ganz schmalen Reifen - ich liebte es, mit diesem blauen Flitzer durch Kassels Straßen zu heizen - freihändig, schnittig in die Kurve gelegt - übers Kopfsteinpflaster bretternd - das hat sich ganz leicht angefühlt - fast ein wenig wie Fliegen.
Da ging es doch ums Balance halten - oder? Und das war ganz leicht, ich dachte nicht über Schwerkraft und Fliehkraft nach.
Wenn heute über Balance gesprochen oder geschrieben wird, geht es selten ums Radfahren. Work-Life-Balance ist in aller Munde und steht auf der Ziele-Liste vieler Persönlichkeits-Entwicklungs-Kurse.
Und ich rolle bei diesem Begriff regelmäßig mit den Augen. Findet denn das, was wir Arbeit nennen, außerhalb unseres Lebens statt? Ist es das Gegenteil von Leben, wenn wir unseren Lebens-Unterhalt verdienen? Und was ist mit dem ganzen Bereich Care-Arbeit, der Fürsorge für Familienangehörige, was ist mit ehrenamtlicher Arbeit? Ohne diese können wir doch gar nicht über-leben ...
Ich verkürze den Begriff daher immer auf "Life-Balance" und nutze noch viel lieber den Begriff Lebens-Balance.
Ein Leben in Balance, das klingt attraktiv und unbeschwert und leicht - wie damals das Fahrradfahren - aber wie geht das? woher bekomme ich das? Weder Weihnachtsmann noch Osterhase bringen es mit und es war auch noch nicht bei meinen Geburtstagsgeschenken.
Machen wir einen kleinen Gedanken-Ausflug zum Zirkus - zu den Hochseilartisten. Balance in Perfektion. Ob der Tanz auf dem Hochseil wirklich so leicht ist wie er aussieht? Diese elegante Performance erfordert unendlich viel Zeit, Geduld, Ausdauer und Übung - bis es irgendwann zumindest leicht aussieht...
Ich glaube, die Balance existiert immer nur in einer Millisekunde und erfordert dann wieder sofortiges Nachjustieren und Ausgleichen. Vermutlich entsteht der Eindruck von Balance durch diese minimale, permanente Pendelbewegung, die kaum wahrgenommen wird und dennoch anstrengend, fordernd, schweißtreibend ist. Der Artist steigt nicht tiefenentspannt und ausgeruht vom Seil, sondern er hat eine große körperliche und mentale Leistung vollbracht. Balance erreichen und halten erfordert Kraft.
Balance bedeutet Gleichgewicht. Gleiches Gewicht, das nach zwei oder mehr Seiten zieht - Pendelbewegungen - auf und ab, hin und her, vor und zurück; ähnlich den Wellenbewegungen über die ich im letzten Letter geschrieben habe.
Wir balancieren unser Leben jeden Tag. Zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Menschen und Alleinsein, zwischen Anstrengung und Langeweile, zwischen Freude und Trauer. Auch Rückschritte beim Vorwärtskommen sind eine ganz normale Form von Balanceübung.
Auch ohne jeden Online- oder Live-Kurs zur Life-Balance findet sie statt, permanent, in jedem Moment - die Lebens-Balance-Übung. Und manchmal fühlt sie sich für einen klitzekleinen Moment auch leicht an - wie auf dem Fahrrad. Das ist der Augenblick, wo Lebens-Balance und Lebensfreude Hand in Hand gehen.
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